internationale andreas gryphius-gesellschaft (iagg) e.V.

Frühneuzeitliche Stereotype: Zur Produktivität und Restriktivität sozialer Vorstellungsmuster

Die 5. Jahrestagung der internationalen andreas gryphius-gesellschaft e.v. findet vom 8. bis zum 11. Oktober 2008 in Breslau statt.

Veranstalter:
Internationale andreas gryphius gesellschaft e.v.

Tagungsort:
Breslau (Polen)

Organisation:
Prof. Dr. Miroslawa Czarnecka (Breslau)
PD Dr. Thomas Borgstedt (München)
Prof. Dr. Knut Kiesant (Potsdam)

Konferenzbüro:
Dr. Tomasz Jablecki
Uniwersytet Wroclawski
Instytut Filologii Germanskiej
Pl. Biskupa Nankiera 15
PL-50-140 Wroclaw
tel. (+48 71) 3752 446
e-mail: jablecki(at)ifg.uni.wroc.p

Ausschreibungstext

Die Tagung fragt nach der Bedeutung und Funktion von stereotypen Vorstellungsmustern in der Literatur und in anderen Künsten der Frühen Neuzeit, wobei nicht allein nationale Stereotype, sondern verschiedene Gegenstandsbereiche und thematische Zusammenhänge behandelt werden, seien es konfessionelle Stereotype, Geschlechterstereotype oder vergleichbare soziale Vorstellungsmuster. Dabei steht die Funktionsweise der Stereotype in verschiedenen Medien, gesellschaftlichen Zusammenhängen und historischen Kontexten in Rede, was im vorliegenden Fall historisch am Beispiel der Frühen Neuzeit präzisiert werden soll. In interdisziplinärer und transnationaler Perspektive möchte die Tagung Forschungstraditionen aus Deutschland, aus Polen und aus anderen Ländern zusammenführen.

Im allgemeinen Sprachgebrauch sind Stereotype vereinfachte, schablonenhafte Vorstellungen, die man sich dauerhaft von Menschen – von Einzelnen oder von Gruppen – macht. Sie sind weniger auf eigene Erfahrungen gegründet, als dass sie mit Wertungen durchsetztes, geronnenes Erfahrungswissen innerhalb sozialer Gemeinschaften und kultureller Traditionen transportieren. Im Sinn der historischen Stereotypenforschung sind sie nicht ausschließlich als Vorurteile zu verstehen, sondern mehrwertig zu bestimmen. Dabei können Konzepte der komparatistischen Imagologie, der diskursiven Selbst- und Fremdbestimmung (Auto- und Hetero-Images), mit Untersuchungen des kulturellen Fremdheitswissens innerhalb der kulturwissenschaftlichen Xenologie zusammengeführt werden. Eine historische Stereotypenforschung verbindet sich mit Positionen der historischen Semantik, die sich mit „Bedeutungen im Horizont ihrer geschichtlichen Veränderungen“ beschäftigt. Dabei tritt der Begriffscharakter von Stereotypen in den Vordergrund: Gemeinsamkeiten von Begriffen und Stereotypen – ihr primär verbaler Charakter, ihre Abstraktion und Generalisierung von Einzelphänomenen – sind ebenso wie die Unterschiede – der höhere Differenzierungsgrad bei Begriffsbildungen – zu beachten. Bezüglich der historisch konditionierten Stereotype kann kritisch auch nach ihrem Wahrheitsgehalt und Realitätsbezug gefragt werden.

Den Analysen zugrundegelegt werden soll die Prämisse der historischen Semantik und der historischen Stereotypenforschung, die Stereotype als präzise rekonstruierbare Funktion von Texten – in einem medienübergreifenden Sinn – betrachtet. Sie fungieren dann nicht nur als Indikatoren für innerpsychische Zustände und Haltungen, sondern auch als handlungsrelevante Faktoren kulturellen Bewußtseins. Wir schlagen als Vorgehensweise ein von der historischen Semantik entwickeltes Konzept der Rekonstruktion von Stereotypen vor, das ähnlich der frühneuzeitlichen Sachtopik vorgeht und nach Sprecher, Zeit und Ort, nach dem Was und Wie, dem Wem und Warum stereotyper Aussagen in literarischen Texten und anderen künstlerischen Äußerungsformen fragt. Dabei soll der historische Augenblick einer Äußerung, der räumliche und gesellschaftliche Standort, der zeitgenössische Wissensbezug, die Funktion bestimmter Textsorten bzw. medialer Gattungen, der Adressatenbezug und die strategische Zielsetzung Berücksichtigung finden. Gegenstände der Untersuchung sind vor allem die textuellen und visuellen Medien der Frühen Neuzeit, neben dezidiert künstlerischen Ausdrucksformen insbesondere auch solche der Gebrauchsliteratur, der Gelegenheitsdichtung, mediale Mischformen wie das Flugblattwesen oder die Emblematik sowie die Malerei, Grafik und Skulpturenkunst der Zeit.

Unsere Tagung setzt sich zum Ziel, einen aktuellen Beitrag zur Funktion der Literatur und der Künste bei der Rekonstruktion von Gesellschaftsstrukturen, Mentalitäten und Lebenswelten der Frühen Neuzeit zu leisten. Dies geschieht im historischen Kontext eines supranationalen und ständischen Staats- und Gesellschaftsgewebes und durch die Untersuchung der Formen und Funktionen von nationalen und anderen Stereotypen, wie sie in den Texten und Medien der Zeit vermittelt wurden und rekonstruierbar sind. Das Thema und die interdisziplinäre und internationale Ausrichtung des Projekts erscheinen uns gerade heute – in einem nach der EU-Erweiterung erneut veränderten Europa – als besonders aktuell und wichtig. Dies gilt nicht allein für die europäische Frühneuzeitforschung, die ihre komparatistische Perspektive konsequent auf Gesamteuropa mit allen seinen Teilen ausweiten sollte. Es gilt besonders auch für den deutsch-polnischen Dialog, den wir fortsetzen wollen, um seine bisherigen Ergebnisse und Fortschritte zu bewahren und weiterzuentwickeln.

Programm

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Anreise und Eröffnung der Tagung

16:00 Uhr | Eröffnung:
Prof. Dr. M. Czarnecka, Rektor der Universität Wrocław, Generalkonsul Dr. H. Schöps, Institutsdirektor Prof. Dr. E. Tomiczek

16:30 Uhr | Eröffnungsvortrag:

Prof. Dr. H. Orłowski (UAM Poznań):
Die Lesbarkeit von Stereotypen. Ein Plädoyer

17:15 Uhr
Führung durch die Aula Leopoldina

17:30 Uhr
Prof. Dr. Franz M. Eybl (Universität Wien):
Die Differenzen der Körpersäfte. Zur Herleitung von Stereotypen aus der Humoralpathologie

18:15 Uhr
Prof. Dr. Martin Disselkamp (TU Berlin): Stereotype als Instrumente kulturgeographischer Raumorganisation

Plenum

09:00 Uhr
Prof. Dr. Daniel Fulda (Universität Halle):
Bannung oder Verstärkung? Die Komödie als Gattung literarischer und sozialer Stereotypen

09:45 Uhr
Prof. Dr. Silvia Serena Tschopp (Universität Augsburg):
Das Bild des Spaniers in der frühneuzeitlichen Literatur

10:30 Uhr
Prof. Dr. Marie-Therese Mourey (Universität Paris-Sorbonne):
Stereotype Körperbilder und ‚habitus corporis’ im Spiegel der Anstandslehren, Zeremoniellschriften und Tanzlehrbücher der Frühen Neuzeit

11:15 Uhr
Kaffeepause

Sektion I: Nationalstereotype

11:30 Uhr
Stefanie Bock (Universität Gießen):
They that dwell northward, and in cold regions, by reason of grosse blood, and thicke spirits, are seene to be bold and full of venterous courage, rude, unmannerly, terrible […]: Klimatheorie und Nationalcharakter im England der frühen Neuzeit

12:15 Uhr
Prof. Dr. Marcin Cieński (Uniwersytet Wrocławski):
Stereotype deutsch-polnische Spannungen im 17. und 18. Jahrhundert

13:00 Uhr
Mittagspause

15:00 Uhr
Prof. Dr. Włodzimierz Zientara (UMK Toruń):
Polen des 17. Jahrhunderts in den deutschsprachigen Presseprototypen

15:45 Uhr
Dr. Tomasz Jabłecki (Uniwersytet Wrocławski):
Wahrnehmung des Fremden im epigrammatischen Werk Friedrich von Logaus

16:30 Uhr
Kaffeepause

16:45 Uhr
Mirna Zeman (Universität Paderborn):
Krieger, Exoten, Homeriden. Frühneuzeitliche Fremddarstellungen “illyrischer Völkerschaften“

17:30 Uhr
Dr. Raluca Radulescu (Universität Bukarest, Rumänien):
Zum Rumänen- und Sachsenbild in der Frühen Neuzeit

19:00 Uhr
Empfang im Generalkonsulat

SEKTION II A: STEREOTYPE IN DER POESIE

11:30 Uhr
Prof. Dr. Ferdinand van Ingen (NL, Zeist):
Nationale Stereotype als narratologische Spannungserzeuger im Roman des 17. Jahrhunderts

12:15 Uhr
Prof. Dr. Rainer Hillenbrand (Universität Pecs):
Soziale, nationale und religiöse Stereotypen in Grimmelshausens Simplicissimus

13:00 Uhr
Mittagspause

15:00 Uhr
Prof. Dr. Hans-Gert Roloff (Freie Universität Berlin):
Herrscher-Typen im Drama der Mittleren Deutschen Literatur. Verehrung oder Kritik

15:45 Uhr
Dr. Stefanie Arend (Universität Erlangen-Nürnberg):
Kommunikative Aspekte des ‚stereotypen’ Emblems in der Frühen Neuzeit: Diskurse über Macht und Herrschaft

16:30 Uhr
Kaffeepause

16:45 Uhr
Prof. Dr. Justyna Łukaszewicz (Uniwersytet Wrocławski):
Ethnische Stereotype im Theater: polnische Komödien der Aufklärungszeit und Ihre französischen Vorbilder

17:30 Uhr
Dr. Florent Gebaude (Universität Limoges):
Querbezüge zwischen europäischer Flugblattpublizistik und Komödienliteratur der Frühen Neuzeit

19:00 Uhr
Empfang im Generalkonsulat

Plenum

09:00 Uhr
Prof. Dr. Nicola Kaminski (Ruhr-Universität Bochum):
Der Blindenstab bildlicher Rede oder: Wie die Topoi in Bewegung geraten. Harsdörffers Gesprächspiele, Trichter, Erquickstunden

09:45 Uhr
Prof. Rudolf Drux (Universität Köln):
Vom Paradies bis hierher. Stereotype über das weibliche Geschlecht

10:30 Uhr

Führung durch die Abteilung der Alten Drucke der UB Wroclaw,
anschließend Kaffeepause

SEKTION II B: STEREOTYPE ÜBER POESIE

11:30 Uhr
Dr. Jolanta Szafarz (Uniwersytet Wrocławski):
Rhetorik und Stereotyp in den schlesischen Chroniken des 17. Jahrhunderts

12:15 Uhr
Dr. Dirk Werle (Universität Leipzig):
Die Bücherflut in der Frühen Neuzeit – realweltliches Problem oder stereotypes Vorstellungsmuster?

13:00 Uhr
Mittagspause

15:00 Uhr
Dirk Rose (Universität Magdeburg):
„Hans Sachs“. Bemerkungen zu einem poethologischen Stereotyp im 17. und frühen 18. Jahrhundert

15:45 Uhr
Fridrun Freise (Universität Osnabrück):
Topisch-gesellschaftliche Norm und Selbstinszenierung. Der Umgang mit dem Dichter-Stereotyp in Elbinger Kasualschriften des 17. Jahrhunderts

16:30 Uhr
Kaffeepause

SEKTION III: STEREOTYPE UND RELIGION

11:30 Uhr
Dr. Andreas Blödorn (Universität Wuppertal):
Historische Semantik und Zeit(lichkeit). Zur sozialen Funktion differenzierter Zeitbegriffe und ihrer visuellen Ästhetik im 17. Jahrhundert

12:15 Uhr
Prof. Dr. Werner Wilhelm Schnabel (Universität Erlangen-Nürnberg):
Exulantenlieder

13:00 Uhr

Mittagspause

15:00 Uhr
Prof. Dr. Grażyna Szewczyk (Uniwersytet Śląski):
A. Gryphius als Dichter der Verständigung und Ökumene im Zeitalter des Konfessionalismus

15:45 Uhr
Franz Fromholzer (Universität Augsburg):
Deß strengen Himmels Gabe. Die protestantische Gewissensberufung im schlesischen Trauerspiel

16:30 Uhr
Kaffeepause

SEKTION IV: STEREOTYPE UND GENDER

16:45 Uhr
Prof. Dr. Barbara Becker-Cantarino (Ohio State University Columbus):

Das Motiv der bösen Frau in der Literatur der Frühen Neuzeit: Stereotyp oder Misogynie?

17:30 Uhr
PD. Dr. Maximilian Bergengruen (Universität Basel):
Warum Frauen mit dem Teufel schlafen, Männer hingegen mit ihm Verträge abschließen wollen: Zur Geschichte eines Gender-Stereotyps im 16. und 17. Jahrhundert

18:15 Uhr

Jonathan Schüz (Universität Usti nad Labem):
Fremdes im stereotypen Gewand. Die Konstruktion von Hexen innerhalb des gelehrten Diskurses im 16. Jahrhundert

19:00 Uhr
Abschlussdiskussion
Anschliessend Mitgliederversammlung der iagg

08:30 Uhr
Ausflug nach Brieg

Abreise